Loudness War, neues von der „Lärmfront“

Ein neuer Standart am Tonhimmel?

Die EBU TECHNICAL, der Technik-Arm der EBU (European Broadcasting Union) hat eine neue Empfehlung zum Thema Loudness herausgegeben: die R 128 (R = Recommendation).  Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie die oft großen Loudness– (Lautheits-) Unterschiede zwischen Rundfunksendern, TV-Programmen + Sendern, CD-Produktionen, etc. sinnvoll behoben werden können.

Das Problem: jeder kennt das, zappt man zwischen Radiosendern hin und her, greift man schnell zum Lautstärkeregler. Die „Kultursender“ sind flüsterleise + bei „Popsendern“ zerlegt’s fast das Radio. Das gleiche bei TV- Sendungen. Der Werbeblock haut einem das Trommelfell durch und der Film ist zu leise. Auf dem Musikmarkt (CDs, mp3, etc.)  ist es besonders krass: da gibt es gute Produktionen mit viel Dynamik (Lautstärkeunterschiede) in der Musik und auch das totale Gegenstück mit absolut NULL Dynamik. Beispiel: Coldplay, „Viva La Vida Or Death And All His Friends“ von 2008. Diese Scheibe ist so dermaßen hochkomprimiert, dass die VU-Meter bei 0dB wie festgenagelt stehen bleiben. Loudness Maximizing total! Einige wollen eben auf Biegen und Brechen die Lautesten sein. In Fachkreisen spricht man daher schon längst vom Loudness War.

Nun könnte man sagen „was geht mich das an?“ Klar, der ständige Griff zur Fernbedienung beim TV nervt, weniger beim Radio … doch dabei wird vergessen welche Folgen das für die mp3 / iPod-Generation hat. Durch die Überkomprimierung sind manche Musiktitel dermaßen laut geworden, dass sie im Vergleich zu anderen Titeln auf dem mp3-Player zu echten Gehörschäden führen können. Statistiken zeigen, dass die Zahl der Gehörschäden bei Jugendlichen in den letzten 15 Jahren deutlich gestiegen ist. Handlungsbedarf ist also gegeben. Bei Wikipedia gibt’s ein anschauliches Beispiel dazu. Ganz nebenbei erwähnt: das Vernichten jeglicher Dynamik in der Musik durch übermäßiges Komprimieren / Limiting ist nicht gerade ein Qualitätsmerkmal und manchmal nur ein Trick um den Mangel an Kreativität zu kaschieren.

Die Lösung: bisher setzte man verschiedene Formen des Peak Limiting / Normalisation (Begrenzung der Pegelspitzen), oder verschiedene Formen Multibandkompressoren (z.B. Loudness Maximizer) ein, um die Lautheit (Loudness) zu erhöhen. Da die Messung der Lautheit bisher eher ungenügend war, führte das nur zum individuellen „Lautmachen“ und somit zum Loudness War. Nun haben die Jungs von der EBU Richtlinien erarbeitet, die Loudness selbst genau zu messen und zu beurteilen.  Um das zu erreichen, musste auch eine neue Methode ein Audiosignal zu beschreiben entwickelt werden. 3 neue Parameter wurden eingeführt:

  1. Programme Loudness
  2. Loudness Range
  3. True Peak Level

Programme Loudness beschreibt die langzeit integrierte Lautheit eines Titels / Progrmmes / über dessen komplette Dauer. Es gibt also an, wie laut ein Titel im Durchschnitt ist. Die Einheit wird mit LUFS (Loudness Unit per Full Scale) angegeben, das heißt sie bezieht sich auf den digitalen Pegel 0dBFS. Verschiedene Versuche mit diesem Messverfahren führten zu dem Vorschlag den Zielpegel bei -23 LUFS festzulegen mit einer Toleranz von +-1LU.

Loudness Range (LRA) ist ein Maß für die Loudness-Unterschiede gemessen über das ganze Programm. Einheit: LU. So kann eine Aussage darüber getroffen werden, ob ein Titel Dynamikbearbeitung, sprich Kompression benötigt. Die EBU empfiehlt als Richtwert für hochdynamische Programme, wie klassische Musik und Filme eine LRA von 20 LU.

True Peak Level (TP) unterscheidet sich vom allgemein gebräuchlichen QPPM (Quasi Programme Peak Meter) durch eine super schnelle Integrationszeit, erreicht durch mehrfaches Oversampling. Die Praxis hat gezeigt, dass auch dem samplegenauen Peakmeter hier und da eine Spitze zwischen 2 Samples entgeht. Da man aber jede digitale Übersteuerung, sei es auch nur 1 Sample, vermeiden will, ist das QPPM nicht mehr akzeptabel.

Mittels dieser 3 neuen Parameter soll nun ein neues Audiometer entwickelt werden, das eine bessere Beurteilung des Audiomaterials zulässt. So können dann Standarts definiert werden, die die qualitative Bewertung einer Mischung / Produktion bezüglich Lautheit, Dynamik und Kompression zulassen und somit dem abstrusen Loudness War ein Ende setzen.

Fazit: noch ist die R 128 eine Empfehlung. Die Denkansätze klingen interessant und wenn es gelänge einen internationalen Standart zu etablieren, wäre das ein deutlicher Schritt nach vorn. Dann zählt eben nicht mehr je lauter, desto besser, sondern die Einhaltung der Norm und somit ein Mindestmaß an Qualität, da durch übermäßige Kompression immer die Klangqualität leidet.

Das Argument mancher Kollegen sich der Marktmacht beugen zu müssen, ist dann auch erledigt. Außerdem bringt das ständige Schielen nach den Kids und Jugendlichen eh nichts. Mit dem Dowload- + Filesharing-Thema hat sich die Musikindustrie schon gehörig auf die Klappe gelegt.

Die EBU-Leute träumen sogar davon die LRA-Werte mittels Metadaten in die jeweiligen Titel einzubauen, um Konsumergeräten zu ermöglichen, alle abgespielten Titel untereinander anzupassen. Von Software-Playern wie iTunes, Winamp, o.ä.  kennt man ja schon ähnliche Funktionen. Die scannen alle Titel durch und versehen sie mit internen Lautstärke-Infos. So etwas soll dann auch Hardwareseitig gehen.

Ich plädiere da eher für eine saubere Produktion im Vorfeld. Das vermeidet eine Menge Komplikationen und erzieht alle Musikschaffenden zu einem Mindestmaß an Qualität.

Quellenangabe: EBU TECHNICAL – Publications: R128 (Ein Artikel von Florian Camerer: für alle die tiefer einsteigen wollen), Wikipedia: Loudness War (sehr interessanter Artikel!)


Kommentare

Loudness War, neues von der „Lärmfront“ — 2 Kommentare

  1. leider habe ich erst heute den Blog entdeckt. Gut geschrieben. Sehenswert sind auh die ‚Webinare‘ (Web Seminare) zu diesem Thema von Flo Camerer.

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